Die Bedeutung eines Verkehrsunfalls im “Harmlosigkeitsbereich” sei höchstrichterlich geklärt, so das OLG Stuttgart in einer Entscheidung vom 5.10.04. Bezug genommen wird damit auf das viel diskutierte BGH-Urteil vom 28.1.03. Welche Fragen der außerordentlich komplexen Materie “HWS-Verletzung” höchstrichterlich wirklich geklärt und welche weiterhin offen sind, wird im Folgenden unter dem Aspekt der unfallanalytischen biomechanischen Auswertung erklärt.

Die Harmlosigkeitsgrenze bei HWS Verletzungen vs. Schmerzensgeld nach HWS Distorsion nach einem Verkehrsunfall

Die medizinische Einstufung der HWS Distorsion nach Erdmann

Erdmann I (leichte HWS-Verletzung mit Bewegungseinschränkungen an Kopf und Nacken, Schluckbeschwerden u.a., Dauer der Beschwerden ca. 2-3 Wochen);
Erdmann II (mittelschwere HWS-Verletzung, u.a. Gelenkkapselrisse, Muskelzerrungen, ausgeprägte Nackensteife; Dauer 4 Wochen bis 1 Jahr);
Erdmann III (schwere HWS-Verletzung, u.a. Bandscheibenzerreißung, Rupturen, Brüche; Dauer über 1 Jahr).

Harmlosigkeitsgrenze bei einem Unfall mit HWS-Verletzung

Dabei geht es um dieRechtsfrage, ob unterhalb einer bestimmten kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung (delta v) eine HWS-Verletzung schlechthin auszuschließen ist. Das wurde und wird von zahlreichen Gerichten bejaht, wobei man den “Harmlosigkeitsbereich” zumeist bis 10 km/h delta v eingrenzt. Nach mehrheitlicher und zutreffender Deutung des BGH-Urteils vom 28.1.03  kennt der VI. ZS keine feste Beweisregel dergestalt, dass bei einer nur geringfügigen Geschwindigkeitsänderung allein schon deshalb eine HWS-Verletzung regelmäßig auszuschließen ist.

HWS Distorsion vs. psychotraumatischer Verletzungen

Psychische Schäden: Die Ersatzpflicht des Schädigers erstreckt sich grundsätzlich auch auf psychische Folgeschäden einer primär erlittenen HWS-Verletzung (BGH NJW 04, 1945). Das gilt auch für eine psychische Fehlverarbeitung. Ein durch eine Bagatelle verursachter psychischer Schaden kann dem Schädiger jedoch nur in Ausnahmefällen zugerechnet werden. Zur Frage, ob eine HWS-Verletzung eine solche “Bagatelle” ist, s. BGH NJW 04, 1945; G. Müller, VersR 03, 137 ff.; KG VersR 04, 1193. In seltenen Fällen kann ein psychischer Schaden auch die Primärverletzung sein, dann gilt – anders als sonst – § 286 ZPO

Bis zu dieser Stelle besteht eine allgemeine Klarheit über die Rechtsfrage einer HWS Verletzung nach einem Verkehrsunfall.

Doch wussten Sie:

Es gibt zahlreiche Studien zu HWS-Verletzungen. Solche Studien kosten Geld, welche definitiv nicht von Unfallgeschädigten bezahlt wurden, anstatt dessen wurden die Studien in Auftrag gegeben. Es gibt größere Sachverständigenbüros, welche zusammen mit einer handvoll Mediziner zusammenarbeiten und mit ihren biomechanischen Gutachten über Jahre hinweg erfolgreich sind.

Doch sind diese Gutachten immer objektiv ?

Die Objektivität kann bezweifelt werden, wenn in den Gutachten immer wieder die gleichen Versuche herangezogen werden und das Schreibprogramm die gleichen Phrasen wiedergibt. Die Unfallrekonstruktion fehlt, aber trotzdem Ein- und Auslaufgeschwindigkeiten bestimmt werden und ein Delta v-Wert vorliegt. Nicht selten endet solch ein Gutachten in Arroganz, das man den Vorwurf stilvoll umschreibt: Der Antragsteller hat einen “psychischen Schaden” oder sogar “erforderliche Operationen waren nicht notwendig”.

Einbeziehung statistischer Werte nach Otte

Die weite Streuung des Zusammenhangs zwischen Verletzungsschwere und Unfallschwere wird in der rechten Abbildung am Beispiel der MAIS von verunglückten Pkw-Insassen (beiFrontalkollisionen) in Abhängigkeit von der Geschwindigkeitsänderung Δv veranschaulicht [Otte98].

Es ist z.B. zuerkennen, dass die Verletzungen bei einer Geschwindigkeitsänderung von 30km/h meist leicht sind, sie können aber mit AIS 5 in Einzelfällen schon sehr schwer sein.

Es stellt sich also die Frage, warum einzelne Verletzungen im niedrigen Geschwindigkeitsbereich schwer sein können ?

HWS Verletzungen Otte
hws unfall becke castro

Die Definition und Trennung nach Becke / Castro

Aus dieser Diskrepanz zwischen subjektiven Beschwerden und objektivierbaren Befunden ergibt sich die Problematik bei der Begutachtung des
“HWS-Schleudertraumas”. Es ist deshalb unumganglich, zu dem orthopadisch-traumatologischen Grundsatz zuriickzukommen, nach dem eine
Verletzung nur dann auftreten kann, wenn die einwirkende biomechanische
Belastung die maximal tolerierbare Schwelle an Belastbarkeit des Betroffenen bzw. der betroffenen Strukturen iiberschreitet. Demnach muss bei der
Begutachtung des “HWS-Schleudertraumas” zunächst Stellung zur Frage
der Verletzungsmoglichkeit bezogen werden, urn dann die Frage, ob und
wenn ja, welche Verletzung objektivierbar ist, zu beantworten. Erst hiernach konnen Verletzungsfolgen beurteilt werden.

Becke M, Castro WHM, Van Aswegen A et al (1999) Zur Belastung von Fahrzeuginsassen bei leichten Seitenkollisionen. Verkehrsunfall und Fahrzeugtechnik 11:293–298
Becke M, Castro WHM (2000) Zur Belastung von Fahrzeuginsassen bei leichten Fahrzeugkollisionen — Teil IL Verkehrsunfall und Fahrzeugtechnik 7/8:225–228
Becke M, Castro WHM, Hein MF, Schimmelpfennig KH (2000) „HWS-Schleudertrau-ma“ 2000-Standardbestimmung und Vorausblick. NZV 6:225–236

Problematik der HWS Verletzung nach einem Unfall

Nach herrschender Meinung gibt es teils schwere Verletzungen unterhalb des Delta v ( Δ v {\displaystyle \Delta v} \Delta v ) von 30 km/h.

Zur Beurteilung ob eine eine Verletzung auftritt, wird die einwirkende biomechanische Belastung der maximal tolerierbare Schwelle an Belastbarkeit des Betroffenen bzw. der betroffenen Strukturen ermittelt und geprüft ob diese überschritten wird.

Ist dann Δ v  die richtige Größe zur Ermittlung der maximalen Belastung ?

Verletzungskosten 2010 (volkswirtschaftlich)

HWS verletzung unfall folgekosten

Unfallanstoßverteilung

unfall verletzung hws anstoss

Unfallverletzungen

Unfall verletzung hws arten

Unfallmechanismus bzw. -ablauf und Belastungshöhe sind die wesentlichen Faktoren der auf den Insassen einwirkenden biomechanischen Belastung.
Die Ermittlung von Unfallmechanismus und Belastungshöhe bleibt einer unfallanalytischen Analyse vorbehalten, die sozusagen die Grundlage der anschließenden medizinischen Begutachtung darstellt.

Aufgrund unterschiedlicher Unfallabläufe kann es zu Beschleunigungsmechanismen der HWS kommen. Nicht nur bei der “klassischen” Heckkollision, sondern auch bei Frontal- und Seitenkollisionen und zweidimensionalen Kollisionen (z. B. Überlagerung einer frontalen und seitlichen Komponente bei der schiefen Frontalkollision) stehen “HWS-Schleudertraumen” zur gutachterlichen Beurteilung an. Im Rahmen der unfallanalytischen Analyse sollte neben der Art der Kollision und der hieraus resultierenden Insassenbewegung die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsanderung (Delta v), der der Insasse aufgrund der Kollision ausgesetzt war, und die höchste Belastung innerhalb der Kollision angegeben werden. Hierbei handelt es sich nicht nur um die Differenz der Geschwindigkeit eines Fahrzeuges unmittelbar vor und nach dem Anstoß, wobei das Fahrzeug entweder beschleunigt (bei der Heckkollision) oder verzögert (bei der Frontalkollision) wird, sondern auch um die maximale Belastung durch Geschwindigkeitsänderung a Res max. im Zeitfenster

Sie wünschen eine objektive Bewertung einer HWS Verletzung in einem zivilgerichtlichen Verfahren ? Nutzen Sie die Möglichkeit, des §404(5) ZPO des Vorschlages eines Sachverständigen durch Parteieneinigung. Über dieses Verfahren stehe ich Ihnen als Sachverständiger des Gerichtes deutschlandweit zur Verfügung.

Ich bin im Verzeichnis des Bundesverband der vereidigten Sachverständigen (bvs/vvs) gelistet.

Es ist ratsam ein biomechanisches Gutachten bei HWS Schleudertaruma Verletzungen nach einem Unfall zu trennen. Die Trennung erfolgt in den technischen Teil I und in den medizinischen Teil II.

Zur Werkzeugleiste springen